Kapitel
Montagmorgen. Sie betreten das Büro. Die Gespräche verstummen. Kollegen drehen sich weg. Ihr Platz im Meetingraum ist wieder nicht reserviert worden – obwohl Sie es dreimal angemerkt haben. E-Mails mit wichtigen Informationen kommen bei Ihnen einfach nicht an. Und wenn Sie nachfragen, heißt es: „Ach, das wussten Sie nicht? Stand doch in der Mail.”
Sie fragen sich: Bilde ich mir das ein? Bin ich zu empfindlich?
Nein. Sind Sie nicht.
Was hier passiert, hat einen Namen. Und es passiert viel häufiger, als die meisten denken.
Was ist Mobbing – und wo fängt es an?
Der schwedische Psychologe Heinz Leymann, einer der Pioniere der Mobbingforschung, definierte den Begriff so: Mobbing ist eine konfliktbelastete Kommunikation am Arbeitsplatz, bei der eine Person systematisch und über einen längeren Zeitraum von einer oder mehreren Personen angefeindet, schikaniert oder ausgegrenzt wird.
Das Schlüsselwort ist systematisch. Ein einzelner Streit mit einem Kollegen ist kein Mobbing. Eine ungerechte Kritik vom Vorgesetzten ist kein Mobbing. Aber wenn sich diese Vorfälle häufen, wenn sie gezielt gegen eine Person gerichtet sind, wenn sie über Wochen und Monate andauern – dann sprechen wir von Mobbing.
Leymann identifizierte 45 verschiedene Mobbinghandlungen, die er in fünf Kategorien einteilte:
- Angriffe auf die Möglichkeit, sich mitzuteilen – Unterbrechen, Anschreien, ständige Kritik
- Angriffe auf soziale Beziehungen – Ignorieren, Isolieren, Ausschließen
- Angriffe auf das soziale Ansehen – Gerüchte verbreiten, Lächerlichmachen, Bloßstellen
- Angriffe auf die Qualität der Arbeit – Sinnlose Aufgaben zuteilen, Arbeitsergebnisse manipulieren
- Angriffe auf die Gesundheit – Drohungen, körperliche Gewalt, sexuelle Belästigung
Die Realität? In den meisten Fällen beginnt Mobbing schleichend. So schleichend, dass Betroffene oft monatelang glauben, sie übertreiben.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache
Laut einer Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) ist etwa jeder neunte Beschäftigte in Deutschland im Laufe seines Berufslebens von Mobbing betroffen. Das sind über 1,5 Millionen Menschen. Die volkswirtschaftlichen Kosten durch Mobbing am Arbeitsplatz werden auf 15 bis 25 Milliarden Euro jährlich geschätzt – durch Fehlzeiten, Fluktuation, Produktivitätsverlust und Behandlungskosten.
Und das sind nur die dokumentierten Fälle. Die Dunkelziffer ist deutlich höher.
Mobbing oder Konflikt? Der entscheidende Unterschied
Diese Frage höre ich in meiner Beratungspraxis regelmäßig. Und sie ist berechtigt, denn nicht jeder Konflikt ist Mobbing.
Ein Konflikt entsteht, wenn zwei oder mehr Parteien unterschiedliche Interessen haben. Beide Seiten haben eine Stimme, beide können sich wehren, beide sind in einer vergleichbaren Position. Konflikte gehören zum Arbeitsleben dazu – und können sogar produktiv sein, wenn sie konstruktiv gelöst werden.
Mobbing hingegen zeichnet sich durch ein Machtungleichgewicht aus. Die betroffene Person ist in einer unterlegenen Position – sei es durch Hierarchie, durch die Gruppendynamik oder durch systematische Isolation. Und genau das macht es so schwer, sich allein daraus zu befreien.
Aus meinen 16 Jahren als Führungskraft in der Touristik- und Automobilbranche kenne ich beide Seiten: Ich habe Teams geleitet, in denen Konflikte offen ausgetragen und gelöst wurden. Und ich habe erlebt, wie aus ungelösten Konflikten Mobbingstrukturen entstanden sind – leise, schleichend, toxisch. Diese Erfahrung als Führungskraft, als Mitarbeiterin und als Beraterin gibt mir eine Perspektive, die in der Arbeit mit Betroffenen und Unternehmen den Unterschied macht. Ich verstehe den Mitarbeiter, die Führungskraft und das Team.
Die Glasl-Eskalationsstufen: Wie aus einem Konflikt eine Katastrophe wird
Der österreichische Konfliktforscher Friedrich Glasl beschreibt die Eskalation von Konflikten in neun Stufen, die in drei Phasen eingeteilt sind. Dieses Modell hilft zu verstehen, warum Prävention so entscheidend ist – und warum frühes Eingreifen alles verändern kann.
Phase 1: Win-Win (Stufe 1-3) – Beide Seiten können noch gewinnen
Stufe 1 – Verhärtung: Standpunkte prallen aufeinander. Die Gespräche werden angespannter, aber man redet noch miteinander.
Stufe 2 – Debatte und Polemik: Es wird taktiert. Schwarz-Weiß-Denken setzt ein. Man will Recht haben, nicht mehr verstehen.
Stufe 3 – Taten statt Worte: Reden reicht nicht mehr. Man handelt – ignoriert den anderen, schafft Fakten, bricht den Dialog ab.
Phase 2: Win-Lose (Stufe 4-6) – Eine Seite verliert
Stufe 4 – Koalitionen: Man sucht Verbündete. Es entstehen Lager. Der Konflikt wird zur Gruppenangelegenheit.
Stufe 5 – Gesichtsverlust: Es wird persönlich. Der andere wird öffentlich angegriffen, bloßgestellt, entmenschlicht.
Stufe 6 – Drohstrategien: Ultimaten, Drohungen, Erpressung. Die Eskalation ist kaum noch umkehrbar.
Phase 3: Lose-Lose (Stufe 7-9) – Alle verlieren
Stufe 7 – Begrenzte Vernichtungsschläge: Der eigene Schaden wird in Kauf genommen, solange der andere mehr leidet.
Stufe 8 – Zersplitterung: Systematische Zerstörung. Existenzgrundlagen werden angegriffen.
Stufe 9 – Gemeinsam in den Abgrund: Totale Konfrontation ohne Rücksicht auf eigene Verluste.
Das Entscheidende: Mobbing beginnt typischerweise ab Stufe 4 – wenn sich Koalitionen bilden und das Machtungleichgewicht kippt. In den Stufen 1 bis 3 kann eine erfahrene Beraterin noch vermitteln, moderieren, übersetzen. Ab Stufe 4 wird es deutlich schwieriger. Ab Stufe 7 braucht es juristische Intervention.
Deshalb ist Prävention kein Luxus. Sie ist Notwendigkeit.
Die fünf Phasen des Mobbingprozesses nach Leymann
Leymann beschreibt auch, wie Mobbing typischerweise verläuft:
Phase 1 – Ungelöster Konflikt: Ein alltäglicher Konflikt wird nicht bearbeitet und schwelt weiter.
Phase 2 – Psychoterror: Gezielte Angriffe beginnen. Die betroffene Person wird systematisch unter Druck gesetzt.
Phase 3 – Rechts- und Machtübergriffe: Vorgesetzte werden einbezogen, Abmahnungen folgen, die betroffene Person wird in die Defensive gedrängt.
Phase 4 – Ausschluss: Die betroffene Person wird ausgegrenzt, versetzt oder gekündigt.
Phase 5 – Vollständige Eliminierung: Langzeitkrankheit, Frühverrentung oder erzwungener Jobwechsel.
Klingt drastisch? Ist es auch. Und genau deshalb darf man bei Phase 1 nicht wegschauen.
Mobbingprävention im Unternehmen: Was wirklich wirkt
Viele Unternehmen haben inzwischen Anti-Mobbing-Richtlinien in ihren Leitbildern stehen. Das ist ein Anfang. Aber Papier allein schützt niemanden.
Wirksame Mobbingprävention braucht drei Säulen:
1. Klare Kommunikationsstrukturen
Mobbing gedeiht dort, wo nicht offen kommuniziert wird. Wo Informationen bewusst zurückgehalten werden. Wo Feedback nur hinter verschlossenen Türen stattfindet.
Konkret bedeutet das:
- Regelmäßige Teamgespräche mit klarer Struktur
- Feedbackkultur, die nicht nur Top-Down funktioniert, sondern in alle Richtungen
- Transparente Entscheidungsprozesse
- Ein klares Beschwerdemanagement, das auch tatsächlich genutzt wird
2. Führungskräfte als Schlüsselfiguren
Führungskräfte setzen den Ton. Wenn eine Führungskraft wegschaut, wenn sie Mobbing duldet oder sogar selbst betreibt (sogenanntes Bossing), dann hat Prävention keine Chance.
Führungskräfte brauchen:
- Kompetenz in Konfliktlösung und Kommunikation
- Sensibilisierung für die Anzeichen von Mobbing
- Den Mut, unangenehme Gespräche zu führen
- Die Fähigkeit, zwischen Konflikt und Mobbing zu unterscheiden
3. Externe Unterstützung
Manchmal reichen interne Ressourcen nicht aus. Besonders wenn die Führungskraft selbst Teil des Problems ist. Oder wenn die Situation bereits so verfahren ist, dass eine neutrale Perspektive von außen nötig wird.
Als externe Beraterin bringe ich genau das mit: Den Blick von außen, der nicht in Betriebsblindheit gefangen ist. Die Erfahrung aus 16 Jahren Führungsarbeit, um die Dynamiken zu verstehen. Und die mediativen Werkzeuge, um zwischen den Beteiligten zu vermitteln – als Konfliktdolmetscherin, die alle Seiten versteht.
Mobbingprävention im Alltag: Es betrifft nicht nur den Arbeitsplatz
Mobbing endet nicht am Werkstor. Es findet statt in Schulen, in Vereinen, in Nachbarschaften, in Familien. Cybermobbing hat dem Ganzen eine weitere Dimension gegeben – denn online gibt es keinen Feierabend.
Was Sie im Alltag tun können:
- Hinschauen statt wegschauen. Wenn Sie beobachten, dass jemand systematisch ausgegrenzt wird, sprechen Sie es an. Nicht morgen. Heute.
- Klare Grenzen setzen. Wer Mobbing toleriert, wird Teil des Systems. Ein ruhiges, bestimmtes „Das geht so nicht” kann mehr bewirken, als Sie denken.
- Betroffene ernst nehmen. „Stell dich nicht so an” ist einer der schädlichsten Sätze, die man zu einer gemobbten Person sagen kann.
- Sich Hilfe holen. Es ist kein Zeichen von Schwäche, sich Unterstützung zu suchen. Im Gegenteil – es ist der erste Schritt raus aus der Opferrolle.
Was Betroffene tun können: Fünf konkrete Schritte
Wenn Sie selbst betroffen sind, wissen Sie vermutlich: Es fühlt sich an wie ein Strudel, der Sie immer tiefer zieht. Umso wichtiger ist es, ins Handeln zu kommen.
Schritt 1: Dokumentieren Sie alles. Datum, Uhrzeit, was genau passiert ist, wer dabei war. Sachlich und konkret. Dieses Mobbingtagebuch ist im Ernstfall Ihr wichtigstes Beweismittel.
Schritt 2: Suchen Sie sich Verbündete. Vertrauenspersonen im Unternehmen, den Betriebsrat, eine externe Beratungsstelle. Sie müssen das nicht allein durchstehen.
Schritt 3: Setzen Sie klare Grenzen. Wo möglich, konfrontieren Sie die mobbende Person direkt und sachlich. Nicht emotional, nicht anklagend, aber bestimmt: „Mir ist aufgefallen, dass ich seit drei Wochen nicht mehr zu den Teammeetings eingeladen werde. Ich erwarte, dass sich das ändert.”
Schritt 4: Holen Sie sich professionelle Unterstützung. Eine Einzelberatung kann Ihnen helfen, die Situation zu sortieren, Strategien zu entwickeln und Ihre Kommunikation zu stärken. Manchmal braucht es einen Blick von außen, um die eigenen Handlungsoptionen zu erkennen.
Schritt 5: Schützen Sie Ihre Gesundheit. Mobbing macht krank. Das ist keine Übertreibung, das ist medizinische Realität. Achten Sie auf Warnsignale wie Schlafstörungen, Angstzustände oder anhaltende Erschöpfung. Eine Burnout-Prävention ist kein Luxus, sondern in solchen Situationen oft überlebenswichtig.
Die Rolle der Kommunikation: Warum sie alles entscheidet
In meiner Arbeit als Kommunikationstrainerin und Beraterin erlebe ich immer wieder: Die meisten Mobbingfälle haben ihren Ursprung in gescheiterter Kommunikation. Ein Missverständnis, das nicht geklärt wurde. Ein Feedback, das falsch ankam. Eine Veränderung im Team, die nicht begleitet wurde.
Kommunikation ist der Schlüssel – zu Konflikten und zu deren Lösung.
Wenn Teams lernen, offen und respektvoll miteinander zu sprechen, wenn Führungskräfte wissen, wie sie schwierige Gespräche führen, wenn Einzelpersonen die Werkzeuge haben, um für sich einzustehen – dann hat Mobbing kaum noch Nährboden.
Genau hier setze ich an. Nicht mit Theorie und Folienvorträgen, sondern mit praxisnahem Training, konkreten Gesprächsstrategien und Übungen, die im Alltag funktionieren.
Prävention ist günstiger als Reparatur
Eine kurze Rechnung für Unternehmen: Die durchschnittlichen Kosten eines Mobbingfalls werden auf 25.000 bis 75.000 Euro geschätzt – durch Fehlzeiten, Fluktuation, Rechtsstreitigkeiten und den Produktivitätsverlust im gesamten Team. Denn Mobbing betrifft nie nur die direkt Betroffenen. Es vergiftet das gesamte Arbeitsklima.
Ein Kommunikationstraining, eine Teamentwicklung, eine externe Begleitung in einer kritischen Phase – das ist ein Bruchteil dieser Kosten. Und es wirkt nicht nur gegen Mobbing, sondern verbessert die Zusammenarbeit, die Zufriedenheit und die Leistung insgesamt.
Ihr nächster Schritt
Vielleicht lesen Sie diesen Artikel, weil Sie selbst betroffen sind. Vielleicht, weil Sie in Ihrem Unternehmen etwas verändern wollen. Oder weil Sie als Führungskraft spüren, dass in Ihrem Team etwas nicht stimmt.
In jedem Fall gilt: Handeln Sie. Jetzt.
Nicht nächste Woche. Nicht wenn es schlimmer wird. Jetzt.
In einem kostenlosen, 30-minütigen Erstgespräch schauen wir gemeinsam auf Ihre Situation. Ohne Verkaufsdruck, ohne Verpflichtung – aber mit dem ehrlichen Blick einer Beraterin, die alle Seiten kennt.




